Ein Erlebnisbericht Gleich vorweg: Ich bin kein Fallschirmspringer. Aber mein erster Sprung hat mich so begeistert, daß ich versuchen will, diese Faszination hier einfach mal aufzuschreiben. Die Profis unter euch mögen mir verzeihen, wenn ich etwas laienhaft mit den Begriffen umgehe. An diesem Frühlingstag wollten wir, meine Freundin und ich, eigentlich am Flughafen Neustadt-Glewe nur ein wenig den "Fallies" bei ihrem Training zuschauen und dabei das schöne Wetter genießen. Außerdem wollten wir uns nebenbei einfach mal ganz unverbindlich informieren, was so ein Tandemsprung kosten würde. Rein theoretisch.Der Himmel war absolut wolkenlos, so daß man Flugzeuge und Springer ausgezeichnet beobachten konnte. Eine Weile sahen wir zu, wie dort oben sich ein oder mehrere kleine Punkte von einem größeren Fleck, dem Flugzeug, lösten und in Richtung Erde sausten. Wir beobachteten, wie sich irgendwann der zumeist eckige Schirm öffnete und der Springer oder die Springerin irgendwann (mehr oder weniger) elegant auf der Freifläche vor dem Flughafen landeten. Ganz unmerklich nahm auch unsere Neugier zu, dies auch mal zu probieren. Als wir uns dann in der Baracke nach dem Preis erkundigten, war es nur noch ein kurzer Schritt zur Entscheidung: Wir wollten wissen, wie das ist - und zwar noch heute. Die 280,- DM pro Person waren zwar nicht gerade wenig, aber man versicherte uns, daß dies noch verhältnismäßig günstig sei. Und wenn man schon mal da ist... Wir hatten noch etwas Zeit bis die Maschine starten sollte, und die brauchten wir auch für die Vorbereitung.Nachdem wir uns mit unseren Sprungpartnern - zwei erfahrenen Fallschirmlehrern - bekannt gemacht hatten, wurden wir entsprechend eingekleidet. Ein weißer Overall mit Laschen zum "eng machen" an Armen und Beinen, um dem Wind im freien Fall keinen Angriffspunkt zu geben. Dies sei sehr wichtig, wenn man mit 200 km/h nach unten unterwegs ist. Jedes umherflatternde "etwas" wäre dann sehr unangenehm. Die Einkleideprozedur dauerte etwas, weil wir auch die Gurte für das Einklinken am Partner umlegen mußten. Natürlich hatten wir sowas noch nie vorher von dichtem gesehen. Nebenbei konnten wir beobachten, wie andere Springer ihre Schirme packten. Zugegeben, dies löste bei mir schon ein merkwürdiges Gefühl aus. Und ich fragte mich, wieviel Mühe wohl mein Partner vorhin auf das Packen verwendet hatte. Da kam mir auch der Witz der Tandemspringer in den Sinn, der die Situation wohl gut trifft: "Der erste: 'Guck mal, die Leute da unten sehen aus wie Ameisen.' - Der andere: 'Mensch, zieh an der Strippe, das s i n d Ameisen.'" Die Gurte wurden um Schultern, Hüfte und um die Oberschenkel geschlungen. Als mein Partner die Riemen straff zog, fürchtete ich ernstlich um meine Männlichkeit. Wichtig ist hierbei, vorher alles "gut geordnet" irgendwie so zum liegen zu bringen, so daß nichts eingeklemmt werden kann. Die Männer werden wissen, was ich meine. Meine nächste Sorge galt meinen Schuhen. Da ich überhaupt nicht ernsthaft vorhatte, mich in irgendeiner Weise sportlich zu betätigen, hatte ich die unpassendsten Schuhe überhaupt an. Nicht, daß ich Sorge gehabt hätte, wie ich damit landen soll, vielmehr malte ich mir aus, wie mir der Wind die leichten Dinger während des freien Falls von den Füßen reißt. Und ich gehe dann hinterher über Felder und Wiesen suchen.So eingekleidet, auch noch mit einer Mütze mit angekoppelter Brille versehen (sah wirklich zum brüllen aus), fühlten wir uns ziemlich gut gepanzert. Unsere Bewegungen und unser Gang muß danach ausgesehen haben. Dann kam das Training. Na ja - dies ist natürlich arg übertrieben. Es wurden die verschiedenen Schritte in der Theorie erläutert, vom Start des Flugzeuges bis zur Landung mit dem Schirm. Haltungen und Stellungen wurden geprobt. Mein Partner klinkte sich hinter mir ein. Dann mußte ich mich mit meinen 80 kg an ihm hängenlassen und zwei bis drei verschiedene Bewegungen mit Armen und Beinen üben. Wichtig für die Landung sei, daß ich die Beine anziehe, damit ich ihm nicht in die Quere komme. Endlich war auch unsere Maschine, eine Cesna, wieder am Boden und für uns startklar.
Ich kenne ja diese Flugzeuge sonst nicht - aber meiner Meinung nach war das eine speziell für Springer umgebaute Variante des Einstiegs. Dieser bestand zum Teil aus Plexiglas und man konnte ihn nach oben schieben.Mit uns stieg noch ein Einzelspringer in die Maschine. Zu fünft in dem engen Raum sitzend und an unsere Partner gekoppelt hoben wir ab. Ein tolles Gefühl, weil man denkt, macht nichts, wenn jetzt was mit dem Flugzeug sein sollte, du hast ja einen Fallschirm. Die Plexiglasverkleidung wurde bei 2000 m hochgeschoben. Der Pilot flog noch eine Schleife und gab dann dem Einzelspringer das Signal zum Absprung. Der Wind pfiff und man konnte sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, also Zeichensprache. Kurz danach verließ uns der Einzelspringer. Wir wollten noch höher hinaus: unser Sprung sollte aus 3000 m Höhe erfolgen. Endlich war es soweit. Meine Freundin saß mit ihrem Partner hinter uns. Auf den Pobacken rutschten wir bis zur Kante, dorthin, wo das Flugzeug aufhörte und der Himmel anfing. Wir saßen am Rand und ich konnte irgendwo da unten die Erde sehen. Ganz weit. Ich spürte den Absprung mein Partners und hatte sofort das Gefühl für oben und unten verloren. Aber das war überhaupt nicht beängstigend sondern einfach nur ein irre gutes Gefühl. Einfach geil. Ich glaube, ich habe vor Begeisterung gebrüllt. Mein Körper schüttete jede Menge Adrenalin aus. Irgenwie sah ich über mir oder unter mir nochmal das Flugzeug durchtauchen, und schon lagen wir richtig, das heißt, ich sah nun den Boden langsam, aber unaufhörlich näher kommen. Es gibt wohl kaum ein schöneres Gefühl als den freien Fall. Für mich nicht. Es ist wie Sex, bloß ganz anders. Man kann es kaum beschreiben. Vielleicht ist ein auch ein wenig wie Achterbahnfahren. Meinen Partner spürte ich überhaupt nicht mehr, aber ich hatte auch gar keine Muße, daran zu denken, daß hinter mir noch jemand war. Angst hatte ich in keiner Sekunde. Von mir aus hätte dieser Moment der Schwerelosigkeit, der aber durch das Toben des Fahrtwindes seine Ruhe verliert, noch ewig dauern können. Irgendwann, ich weiß nicht, vielleicht nach einer halben Minute oder so, spürte ich plötzlich einen sehr heftigen Ruck. Ich wußte, daß es rucken würde, wenn der Schirm aufgeht. Aber etwas sanfter hatte ich es eigentlich erwartet. Nun wußte ich auch, warum alle Schlaufen so fest sein mußten. Die folgenden Minuten waren wunderschön. Ich sah meine Freundin mit ihrem Lehrer dahinschweben und ich sah unter mir Wälder, Wiesen und Straßen. Mich begeisterte, wie leicht sich der Schirm durch leichten Zug steuern ließ und ich ließ mir das eine oder andere von meinem Lehrer zeigen und erklären.Inzwischen war der Boden schon sehr nahe gekommen und die Landewiese war direkt unter uns. Ich bereitete mich mental auf die Landung vor. Also - nicht vergessen: Beine anziehen, sagte ich mir. Ich gab mir alle Mühe dieser Welt, trotzdem gelang meinem Partner die Landung nicht ganz so sauber, wie erhofft. Ich machte eine Bremsung mit meinem Allerwertesten. Kurz nach uns landete auch das Paar mit meiner Freundin, die hatten etwas mehr Glück. Wir fielen uns überglücklich in die Arme. Die Endorphine, die durch den Sprung ausgeschüttet wurden, bescherten uns den ganzen Tag über noch ein Hochgefühl. Noch einige Tage später spürte ich die Landung an meinem Steißbein. Inzwischen ist das längst Vergangenheit, aber die Eindrücke, die dieser Sprung bei mir hinterlassen hat, werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Und bestimmt ergibt sich bald mal wieder eine Gelegenheit. Und eigentlich wollte ich doch irgendwann auch noch mal Bungee springen... T.W. |
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